Während einer Lungenkrebs-Studie unter Aufsicht des geschäftstüchtigen Onkologen Michael Thomas starben Patienten, die den Mologen-Wirkstoff Lefitolimod einnahmen, schneller als die Kranken in der Vergleichsgruppe. Was die Mologen-PR daraus macht, könnte sogar Donald Trump Respekt einflößen.

Um die absurde Logik der Mologen-PR für die gescheiterte Impulse-Studie zu veranschaulichen, habe ich mir ein fiktives Szenario ausgedacht.

Nehmen wir an, der S. Fischer Verlag, wo seit über 100 Jahren die Werke des Nobelpreisträgers Thomas Mann erscheinen, möchte beweisen, dass die massenhafte Verteilung des Romans „Die Buddenbrooks“ Asylbewerbern dabei hilft, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Dafür wird eine aufwendige Studie angelegt. In Flüchtlingsunterkünften werden 102 Probanden angeworben.

Der Studienleiter lässt vorsorglich Blinde und Menschen mit geringer Schulbildung aussortieren. Jeder soll eine reelle Chance bekommen.

Das Experiment beginnt und die hoffnungsvollen Bewerber erhalten jeweils ein Buch. 61 davon lesen den Roman auf Hochdeutsch, die restlichen 41 der Kontrollgruppe erhalten eine Version auf Italienisch.

Die Monate ziehen ins Land und nach Abschluss der Studie beginnt die Auswertung.

Das Ergebnis zeigt leider nicht den gewünschten Effekt. Ganz im Gegenteil. Eine nicht geringe Zahl Testpersonen, die den Original-Roman erhielten, fühlte sich von der Lektüre überfordert und zerriss frustriert das dickbändige Werk, um kleine Öfen zu beheizen, auf denen Hammelgulasch kochte. Jene Gruppe, die den Roman auf Italienisch zu lesen versuchte, zeigte sich zwar irritiert, es kam jedoch zu keiner Buchverbrennung. War der Versuch gescheitert?

Ganz und gar nicht, behauptet der S. Fischer Verlag. Denn bei näherer Betrachtung der Daten ergab sich Erstaunliches.

In zwei kleinen Subgruppen reagierte die Mehrzahl der Probanden nämlich positiv und die Deutschkenntnisse verbesserten sich signifikant.

Was hat das mit Mologen zu tun?

In Subgruppe eins (insgesamt 25 Probanden, davon lasen 16 das Originalwerk) befanden sich zu 100% Fans des FC Bayern. Im Vergleich zur Kontrollgruppe (Italienisch) schnitten sie beim abschließenden Deutschkurs besser ab.

Subgruppe zwei (38 Probanden, davon 23 Originalwerk-Leser) bestand in der Gesamtheit aus Legasthenikern.

Auch hier erwies sich die Verabreichung der Buddenbrooks in der hochdeutschen Originalausgabe als höchst effektiv im Vergleich zur Kontrollgruppe, die das italienische Buch erhielt. Eine Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse konnte objektiv festgestellt werden.

Ich gebe zu, das alles klingt ein wenig irre. Doch wenn ihr jetzt weiterlest, werdet ihr den Zusammenhang verstehen.

Goodbye Fiktion, hello Realität!

Im September 2017 zeigte Mologen auf einem Onkologen-Kongress in Madrid eine Präsentation, auf die ich mich hier beziehe. Es ging um die Ergebnisse aus der sogenannten Impulse-Studie mit 102 Probanden, die an kleinzelligem Lungenkrebs litten. Alle sind inzwischen verstorben.

Zuständiger Prüfarzt war Prof. Dr. med. Michael Thomas, Chefarzt in der Thorax Klinik Heidelberg.

Thomas gehört zu den meistzitierten Onkolgen Deutschlands und wird von Firmen wie Boehringer, Lilly, Novartis, Pfizer und Roche als Miet-Sprecher geschätzt.

Handverlesene Schwerkranke

An der Impulse-Studie mit dem Immuntherapeutikum Lefitolimod teilnehmen durften nur Patienten, die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllten:

Fortgeschrittenes Krankheitsstadium, Tumore haben auf Standard-Erstlinientherapie mit Chemotherapeutika angesprochen, weitgehend beschwerdefrei bis eingeschränkt alltagsfähig (ECOG null bis eins), keine Begleitsymptome (paraneoplastisches Syndrom), keine Immunerkrankungen in der Vergangenheit, keine Verabreichung von Steroiden im Verlauf der Krebsbehandlung.

Es war wohl eine handverlesene Gemeinschaft.

Dennoch wurde das primäre Studienziel, nämlich der Nachweis, dass den Kranken durch ein Mologen-Präparat zu einem längeren Leben verholfen werden kann, nicht erreicht. Ganz im Gegenteil.

Die veröffentlichten Daten belegen sogar, dass ein großer Teil der Lefitolimod-Probanden kürzer überlebten als die Menschen in der Kontrollgruppe, die kein Lefitolimod bekamen.

Und was macht die Börsen-PR von Mologen daraus? Sie versteckt die schlechte Nachricht ganz am Ende des ersten Absatzes einer Jubelmeldung. Schaut selbst:

Das biopharmazeutische Unternehmen Mologen AG gab die wesentlichen Ergebnisse der explorativen Phase II Impulse-Studie bekannt. Die randomisierte Studie untersuchte die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Lefitolimod in Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Impulse zeigt positive Ergebnisse in zwei Patientensubgruppen im Hinblick auf das Gesamtüberleben (Overall Survival, OS) im Vergleich zur Kontrollgruppe (Standardtherapie). Zudem werden weitere potenziell erfolgversprechende Subgruppen identifiziert. Die Ergebnisse dieser SCLC Studie liefern wichtige Hinweise für die Definition von Patientengruppen, die über diese Studie hinaus von dem Immune Surveillance Reactivator Lefitolimod profitieren können, auch wenn der primäre Endpunkt „Gesamtüberleben” in der Studienpopulation in dieser sehr herausfordernden Indikation nicht erreicht wurde. Zur ganzen → Meldung.

Um die Trickserei zu erkennen, muss man die Präsentation aus Madrid genau betrachten. Auf Seite 13 befindet sich eine Grafik, die das OS (Gesamtüberleben) demonstriert:

Der blaue Graph zeigt das Überleben von 61 mit Lefitolimod Behandelten auf einer Zeitschiene. Der rote Graph markiert das jeweilige Todesdatum in der Kontrollgruppe, die nicht mit MGN 1703 behandelt wurde. „Event“ nennt man hier im Forschersprech den Tod etwas verschämt.

Für alle sichtbar leben die Lefitolimod-Patienten teilweise rund ein halbes Jahr kürzer als jene, denen kein Wirkstoff aus dem Hause Mologen verabreicht wurde. „Kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Studienarmen“, erläutert ein Text. Das sehe ich anders.

So weit, so schrecklich für die Lefitolimod-Patienten und die Mologen-Forschung.

Lasst mich zu den Subgruppen kommen, damit ihr meinen Buddenbrooks-Vergleich versteht.

Denn in der Impulse-Präsentation werden die positiven Ergebnisse in zwei ganz bestimmten Gruppen stark herausgestrichen.

Erstens bei solchen, die an chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COLD, umgangssprachlich „Raucherlunge“ genannt) leiden. Lefitolimod-Behandelte in der COLD-Untergruppe lebten im Durchschnitt 70 Tage länger als die Patienten der Kontrollgruppe.

Sie sind in meinem obigen Vergleich die Fans des FC Bayern.

Frage: Warum FC Bayern?

Antwort: Warum nicht?

So geht es mir mit diesem Ergebnis. Ich kann keinen Grund finden, warum ein positives Ergebnis in dieser Gruppe von Bedeutung ist.

Kommen wir zur zweiten Untergruppe, die ich Legastheniker nenne, weil sie keinen logischen Platz in dieser Studie einnehmen.

Ja, warum sollen ausgerechnet leseschwache Asylanten Fortschritte beim Deutschlernen machen?

Eben.

Auch hier entzieht sich das Resultat meinem Verständnis.

Verwirrspiel mit B-Zellen

Denn die zweite Subgruppe sind Menschen mit geringer Anzahl aktivierter B-Zellen im Blutbild.

B-Zellen sind weiße Blutkörperchen, die Antikörper ausbilden. Aufgabe der Antikörper ist der Schutz des Körpers vor allem, was nicht zum Körper gehört. Tumorzellen zum Beispiel.

Dämmert euch, warum ich zum gewagten Vergleich mit den Legasthenikern griff, die plötzlich besser Deutsch sprechen als die Kontrollgruppe?

Menschen mit weniger aktivierten B-Zellen verfügen über ein schwaches Immunsystem. Und ausgerechnet die haben dank Lefitolimod länger gelebt. Für etwa 47 Tage. Sagt Mologen. Professor Thomas und den Mologen-Forschern müssen bei diesem widersprüchlichen Ergebnis die Augen hervorgetreten sein.

Es heißt, die beiden Subgruppen wurden vor Studienbeginn angelegt.

Wer bitte kommt auf die Idee, extra eine Gruppe für Immunschwache zu bilden, um einen immuntherapeutischen Wirkstoff zu testen? Das klingt wie Legastheniker zum Lesewettbewerb schicken.

Vielleicht ist die Wissenschaft manchmal boshafter als wir glauben.

Voilá, die Sieger der Impulse-Studie heißen COLD-kranke Huster und ganz besonders die Immunschwachen mit den lahmen B-Zellen.

Vor allem für letztere könnte MGN 1703 tatsächlich eine Überlebenshoffnung sein. Forscher Thomas:

„More studies definitely need to be done to gain a better understanding of just how these B-cell counts are affecting outcomes with lefitolimod. This could be accomplished by assessing the effect in cancers with low levels of B cells.“ Zum ganzen → Artikel

Und die anderen?

Für sie gilt seit Impulse wohl diese Maxime: Bitte nicht mit Lefitolimod behandeln, falls sie länger überleben wollen.