In einem streng vertraulichen Bericht steht Aufschlussreiches darüber, wie Mologen mit den Ergebnissen seiner eigenen Medikamentenstudien umgeht. Fazit: Es wird vertuscht und verheimlicht, was nicht zur Börsen-PR passt.

Schwerwiegende Nebenwirkungen, viel zu wenige Studienteilnehmer. So lautet die Realität einer klinischen Studie namens Impact.

Impact war ein Medikamententest mit Darmkrebspatienten, der zwischen 2010 und 2012 im Auftrag der Mologen AG in Deutschland, Österreich, Frankreich und Russland durchgeführt und bereits vor dem Abschluss mit großem PR-Tamtam als Durchbruch gefeiert wurde.

Ein vertraulicher Bericht vom 17. Januar 2014 offenbart jedoch, wie frech bei der Darstellung getäuscht und vertuscht worden ist.

Das Papier stammt aus einer Zeit, als die aktuelle Mologen-Chefin Mariola Söhngen noch gar nicht am Horizont aufgetaucht war und offenbart, wie bei Mologen schon damals mit unbequemen Studiendaten hantiert wurde.

In jenen Tagen hieß der Herr im Haus noch Matthias Schroff, der über 10 Jahre lang im Unternehmen wirkte, bis er 2015 abserviert wurde.

Schon damals wurde getrickst und getäuscht

Ich kann mich noch gut an die Hauptversammlung im Jahr 2014 erinnern, als der Arzt und promovierte Biochemiker Schroff stolz dem versammelten Publikum erklärte, dass seine Firma eng mit dem Krebsforschungszentrum in Heidelberg zusammenarbeite. Das renommierte DKFZ ist eine weltweit angesehene Institution.

Blöd für Schroff, dass ich in Heidelberg nachgefragt habe und seitdem ziemlich genau weiß, wie kreativ man in der Mologen AG die Wirklichkeit verdreht.

Danach schrieb ich einen umfangreichen Artikel über Lüge und Wahrheit bei Mologen. Wer ihn lesen will, kann → hier klicken.

Ja, Mologen hat ein ganz besonderes Verhältnis zur institutionellen Lüge. Das kann man ganz frei heraus sagen. Es hat in meinen Augen gar nicht mal so viel mit Leuten wie Schroff, Söhngen oder zwielichtigen Aufsichtsräten bzw. Großaktionären zu tun. Diese Menschen kommen und gehen.

Aber nur einer hat der Firma seinen Stempel aufgedrückt wie kein anderer.

Es wirkt leider wie ein billiger Witz, wenn ich sage, die Lüge steckt bei Mologen in der DNA, denn es war ein Genforscher namens Burghardt Wittig, der Mologen erfand und damit eine gigantische Lüge in die Welt setzte. Die Lüge vom Krebsheilmittel, das bald zugelassen wird.

Ja, wir stehen kurz vor dem Durchbruch, nur eine Kapitalerhöhung noch, dann ist es geschafft. Da, sehen Sie doch hin. Diese Studie zeigt es ganz deutlich. Nur noch ein bisschen Zeit bitte, dann sind wir alle reich.

So geht das seit 20 Jahren und ich kenne Aktionäre, die mit Tränen in den Augen noch immer nicht akzeptieren wollen, dass sie auf das Schlitzohr Wittig reingefallen sind, das sein eigenes Märchen inzwischen selber glaubt. So scheint es mir, wenn ich Wittigs erratische E-Mails an mich lese.

Doch dazu mehr an einer anderen Stelle, wo ich das umfangreiche Material, das ich über Wittig gesammelt habe, ausbreiten will.

Zurück zur Impact-Studie und dem, was die Mologen-Kommunikation daraus machte.

Hoffnung für Börsenzocker

Die ganze Schwindelei fängt ja bereits damit an, das bei Mologen meistens von einer Krebs-Immuntherapie die Rede ist. Das klingt dramatisch nach Rettung aus höchster Not. Und ist ein Irrtum.

Ganz weit unten in den Unternehmensmitteilungen für Börsenzocker kommt dann der Begriff maintenance treatment, was Erhaltungstherapie heißt, also das Behandeln von Patienten, welche die herkömmlichen Therapien bereits durchgestanden haben. Menschen, die erfolgreich operiert, bestrahlt und chemotherapeutisch versorgt wurden und nun hoffen, dass es wieder aufwärts geht. Menschen, die das Gröbste hinter sich haben. Vorerst.

Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss jetzt einen drastischen Satz schreiben: Die Sterbenden, die Hoffnungslosen, sie passen nicht in die schöne neue Mologen-Welt und werden vor der Studie erbarmungslos aussortiert.

Lefitolimod, der schicksalsbeladene Universalwirkstoff von Mologen, im Wissenschaftlersprech auch MGN1703 genannt, wird nur an solche verabreicht, denen es ohne Lefitolimod wahrscheinlich genauso gut bzw. schlecht gehen würde. Nachdem ich mich durch unendlich viele Mologen-Unterlagen gewühlt habe, traue ich mich das klipp und klar so zu schreiben, wie es hier steht.

Wer glaubt, Lefitolimod sei ein Krebsmittel für akut Erkrankte, der irrt. Es ist so, als würde man auch glauben, ein abgetrenntes Bein könne mit einer Tube Bepanthen wieder angeklebt werden.

Im Gespräch mit Mologen-Investoren stelle ich immer wieder fest, dass vielen dieser Umstand nicht klar ist. Nein, Lefitolimod ist ein Medikamentenkandidat für die Zweitlinientherapie. Wer eine Krebsdiagnose erhält, dem hilft Lefitolimod erstmal gar nicht. Nie und nimmer. Meistens ernte ich dann böse Blicke. Der Abschied vom einem großen Traum fällt eben schwer.

Wenn er denn überhaupt jemals wirkt, ist Lefitolimod ein Wirkstoff, der zu spät kommt. So kann man das aus der Sicht der Kranken wohl sagen.

Jetzt aber wirklich zur Impact-Studie. Und zu jenem Geheimpapier, das mir von einer vertrauenswürdigen Person zugespielt wurde.

„Confidential – This document is the property of Mologen AG. The information that it contains is confidential and is to be used only in connection with matters authorised by Mologen AG. No part of it is to be disclosed to others without prior written permission of Mologen AG“ steht da ziemlich herrisch. Ich bin schon neugierig, was passiert, sobald dieser Artikel erschienen ist.

Das erste, was mir beim Durchlesen ins Auge sprang, war die Fallzahl. Also die Menge der Patienten, die an der Impact-Studie teilgenommen haben.

Zahl der Studienteilnehmer halbiert

Die Menge der Patienten, die an einer medizinischen Studie teilnehmen, nennt man Fallzahl. Aus Gesprächen mit Experten weiß ich, dass die Bestimmung der Fallzahl beim Studiendesign eine anspruchsvolle Aufgabe ist. Zu wenig ist schlecht. Aber auch zu viel ist nicht gut. Die Berechnung der geeigneten Fallzahl ist eine komplexe Sache.

Ziel einer Fallzahlplanung ist es, die Stichprobenumfänge so zu definieren, dass ein tatsächlich vorhandener Effekt mit hoher Wahrscheinlichkeit als statistisch signifikant erfasst wird. Zusätzlich geht es um die Gewissheit, dass ein solcher Effekt auch tatsächlich nicht existiert, wenn er in der Studie nicht gefunden werden kann.

Aus dem Mologen-Geheimpapier erfahre ich nun, dass von den ursprünglich geplanten 129 Patienten nur 59 tatsächlich an der Studie teilgenommen haben. Also weniger als die Hälfte.

Wie bitte? Ja, das habe ich mich auch gefragt.

Aber auch das ursprüngliche Verhältnis ziwschen Experimentalgruppe und Kontrollgruppe im Studiendesign („randomised, 2:1“) wurde nicht eingehalten. Von den letztendlich übriggebliebenen 59 Probanden erhielten 43 den Wirkstoff Lefitolimod und nur 16 ein Placebo. Von wegen 2:1.

Ist das möglicherweise ein Hinweis auf p-hacking? So bezeichnet man unter Statistikern das gezielte Hinbiegen von Studienergebnissen.

Im Ärzteblatt steht über die Fallzahlplanung:

„Das Design ist essenziell für die Qualität einer jeden klinischen und epidemiologischen Studie. Die Fallzahlplanung ist dabei ein entscheidender Teil. Es ist aus methodischen Gründen notwendig, vor der Durchführung den Ablauf der Studie und die Fallzahl zu bestimmen, und diese vor Beginn der Rekrutierung in einem Protokoll festzulegen. Abweichungen davon sind nur im Rahmen allgemeiner Richtlinien für klinische Studien zulässig. Wird es versäumt, die Fallzahl anzugeben, kann ein unabhängiger Prüfer im Nachhinein nicht mehr feststellen, ob der Experimentator Daten oder statistische Methoden so selektiert hat, dass ein von ihm gewünschtes Resultat „nachgewiesen“ werden konnte. Zudem ist es notwendig, die Wahrscheinlichkeit zu kontrollieren, mit der ein tatsächlich vorhandener Effekt in der Studie als statistisch signifikant entdeckt werden kann. Beispielsweise wird ein pharmazeutisches Unternehmen zur geplanten Einführung eines neuen Medikaments sowohl aus ökonomischen als auch aus ethischen Gründen nicht riskieren, den Nachweis der Wirksamkeit oder der Nichtunterlegenheit gegenüber anderen Medikamenten wegen einer zu geringen Fallzahl nicht erbringen zu können.“ Hier geht’s zum → ganzen Artikel.

Geht man davon aus, dass es bei Mologen ernsthafte Bestrebungen gibt, die Fallzahl einer Studie optimal zu ermitteln, dann ist das mit einem Wert, der über 50% unter dem Ziel liegt, wohl gründlich danebengegangen.

Steht davon irgendwas in den offiziellen Mitteilungen der Mologen AG an die Öffentlichkeit und die Aktionäre. Natürlich nicht.

Kommen wir zum nächsten Hammer, den Nebenwirkungen von Lefitolimod.

Da gab es im Rahmen der Impact-Studie entsprechende Fälle, wie man in meinem Jetzt-nicht-mehr-so-geheimen-Geheimpapier nachlesen kann. An mehreren Teilnehmern der Experimentalgruppe wurden Nebenerscheinungen beobachtet. Mindestens zwei Patienten mussten aus der Studie ausscheiden. Für einen davon erfolgte sogar eine SUSAR-Mitteilung.

Schwerwiegende Nebenwirkung verschwiegen

SUSAR ist das Schreckgespenst aller klinischen Tests. SUSAR steht für Suspected Unexpected Serious Adverse Reaction und heißt übersetzt „Verdachtsfall einer unerwarteten schwerwiegenden Nebenwirkung“.

Damit bezeichnet man ein unerwünschtes Ereignis in einer klinischen Prüfung, das unerwartet und schwerwiegend ist sowie zugleich vermutlich in einem ursächlichen (kausalen) Zusammenhang mit einem Prüfpräparat steht und demnach eine Nebenwirkung darstellen könnte. Was SUSAR ganz genau bedeutet, steht → hier.

Ich finde in keiner einzigen Jubel-PR-Meldung über die Impact-Studie einen Hinweis auf schwerwiegende Nebenwirkungen. Ganz im Gegenteil. Die angebliche gute Verträglichkeit von Lefitolimod wird sogar wie ein Mantra beschworen. Siehe weiter unten.

Dennoch gab es laut Geheimbericht eine gesetzlich vorgeschrieben SUSAR-Meldung an die Behörde, nachdem ein Impact-Patient für die Dauer von 42 Tagen an Lungenentzündung erkrankt war.

Darüber schweigt sich die offizielle Mologen-Kommunikation aus. Oder ich bin zu dumm zum Suchen. Oder (und das halte ich für durchaus möglich) es steht irgendwo ganz versteckt doch ein kleiner Hinweis.

Transparenz sieht jedenfalls anders aus. Das offizielle Fazit der Impact-Auswertung ist ein Musterbeispiel der Schönfärberei:

„Wir sind sehr bestärkt durch die Anzeichen der Wirksamkeit, die sich in der Studie gezeigt haben. Dazu gehört das klinische Ansprechen einiger Patienten, das erst neun Monate nach Beendigung der Chemotherapie auftrat“, sagt Dr. Alfredo Zurlo, Chief Medical Officer (CMO) der Mologen AG. „Die Behandlung mit MGN1703 scheint auch für die Patienten gut verträglich zu sein, die über ein Jahr lang zweimal wöchentlich behandelt wurden.“ Hier die → ganze Meldung.

„Es ist zudem beachtlich, dass keine schweren Nebenwirkungen während der Compassionate-Use-Programme festgestellt wurden – ein Nachweis für die exzellente Verträglichkeit und Sicherheit des Medikaments.“ Hier die → ganze Meldung.

„Insgesamt konnte die nun abgeschlossene Endauswertung der IMPACT-Studie durch die deutlich längere Nachbeobachtungszeit den Proof-of-Concept für MGN1703 hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit mehr als bestätigen.“ Hier die → ganze Meldung.

Ist die ganze Lügerei etwa normal?

In der Wochenzeitung Die Zeit gibt es einen interessanten Artikel, den ich jedem Mologen-Aktionär dringend ans Herz legen will. Das Gerinnungsprodukt der vielen Zeilen lautet: Medizinische Studien werden vor allem zu Werbezwecken eingesetzt.

Ich zitiere immer, wenn ich merke, dass andere einen Sachverhalt viel besser auf den Punkt bringen als ich es jemals könnte:

„Schlimmer wird die Sache, wenn Forscher ihre Ergebnisse verfälschen. Das nennt man p-hacking – man forscht, selektiert und interpretiert dann so lange, bis ein signifikantes Ergebnis herauskommt. Etwa indem man Experimente so oft wiederholt, bis der p-Wert endlich passt. Oder indem man nachträglich bestimmte Werte, die dem gewünschten Ergebnis im Wege stehen, aus dem Datensatz streicht. Oder indem man die Kriterien für ein positives Ergebnis im Nachhinein verändert.“ Zum → ganzen Artikel.

Wie gesagt, dieser Artikel ist wirklich lesenswert. Und wer die Geschichte der Mologen AG verfolgt, wird feststellen, wie wirklichkeitsnah die Dinge darin zusammengefasst sind.